Das Malspiel ist kein Malkurs

Ich werde oft gefragt was die Kinder denn bei mir im Malkurs lernen. Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten, die Kinder lernen hier so Einiges jedoch nicht das, was sie in der Schule oder in einem Kurs lernen. Deshalb ist dieser Malkurs, wie ihn Viele nennen, auch gar kein Malkurs, sondern eben ein Malspiel.

Oft hört man Erwachsene klagen sie seien unbegabt, nicht kreativ oder man hört sie sagen «Ich kann nicht zeichnen». Das ist ein Irrtum, der sich leider schon sehr früh in der Kindheit in deren Köpfen festgesetzt hat.

Ein Kind malt aus einem inneren Bedürfnis heraus, es ist ein Spiel, das man durchaus ernst nehmen sollte. Der Erwachsene glaubt jedoch, das Kind male, weil es uns etwas mitteilen möchte. Sogar sein Entwicklungsstand wird daran gemessen, wie gut es malt. Viele Kinder werden besonders gelobt, wenn sie ein möglichst naturnahes Abbild von etwas Bestimmtem zeichnen. Sie werden dann als Künstler bezeichnet und man spricht ihnen eine kreative Veranlagung zu. So kommt es, dass das Kind, wie gezähmt, nur das malt wovon es glaubt es könnte dem Erwachsenen gefallen Wie muss sich ein Kind wohl fühlen wenn es in einer solchen «zahmen» Haltung malt und am Ende noch Fragen erhält wie «was hast du denn hier gezeichnet, ist das ein Haus?» Oder wie fühlt es sich wohl wenn es stolz verkündet, seine Zeichnung sei fertig. Und der Erwachsene stellt fest, dass es noch Platz auf dem Papier hat und fragt, ob es da nicht noch etwas hinmalen möchte, es sei ja schade um das viele Papier.


Das Kind wird in seinem Spiel nicht ernst genommen, der Erwachsene mischt sich darin ein und zwingt das Kind etwas vorzuspielen nur um zu gefallen. Mit der Zeit weiss es gar nicht mehr wie das Spielen mit den Farben sein kann. All zu oft haben solche Kinder auch keine Ideen was sie malen könnten, wenn sie keinen konkreten Auftrag erhalten. Später werden daraus diese Erwachsenen, die von sich behaupten, sie seien nicht kreativ.

Jahrzehntelang hat man Kindern im Zeichenunterricht beigebracht möglichst naturgetreu abzuzeichnen, die Schüler gaben sich Mühe bei Perspektive und Linienführung und wer es am besten konnte, wurde auch mit der besten Note belohnt. Später wurde als Gegenpol eine modernere Form eingeführt und als freies Malen oder Gestalten hochgepriesen. Bei dem willkürlichen Bekleckern oder Beschmieren eines Blattes wird jedoch Spontanität mit Zufälligkeit verwechselt. Und auch diese Form hat nichts mit dem Malspiel zu tun. In der heutigen Konsumgesellschaft wird zum Thema Kreativität ganz Vieles angeboten. Ganz zur Zufriedenheit vieler Eltern gibt es schöne fixfertige Sets zu kaufen, mit denen ein perfektes Endergebnis gebastelt und gemalt werden kann. Das Kind hat daran wenig mitgewirkt oder seine Ideen einbringen können. Was hier gefördert wird ist ein falscher Perfektionismus, aber ganz sicher nicht Kreativität oder Spontanität. Auch damit kann ich beim Malspiel nicht dienen, die Kinder nehmen kein offensichtlich perfektes Endergebnis mit nach Hause, die Bilder bleiben sogar absichtlich noch über einen längeren Zeitraum bei mir, bis sie schliesslich mein Atelier verlassen. Die Bilder sind so wie sie sind und so wie das Kind sie wollte.

Und um noch einmal auf die einleitende Frage zurück zu kommen was die Kinder bei mir im Malspiel lernen kann ich nur antworten: Scheinbar lernen sie nichts, weil ich ihnen jede Woche ein Blatt gebe und sie einfach malen lasse. Ich belohne sie nicht und bewerte keines ihrer Bilder. Und wenn ein Kind nach einem einzigen Strich sagt es sei fertig dann nehme ich das Blatt ab und frage ob es noch eins möchte. Nein das Malspiel ist kein Kurs und am Ende der Stunde hat das Kind vielleicht immer noch keinen perfekten Baum gezeichnet, aber es bekommt Freiraum für seine eigene Spontanität, es bekommt Wertschätzung und Beständigkeit.



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